Teils ganz schön faszinierend: Nissans Geschichte

hace 3 meses, 1 semana - 5 febrero 2024, Krone Zeitung
Teils ganz schön faszinierend: Nissans Geschichte
Die Welt durch bezahlbare Fließband-Autos in Fahrt bringen, diese Vision trieb Pionier Henry Ford an, aber auch der 1933 gegründete Nissan-Konzern konzentrierte sich darauf. Nissan lancierte die ersten japanischen Volumenmodelle, startete 1957 in Europa und ist der Erfinder des Stromers in Großserie.

Viele wollen das automobile Rad in Japan ins Rollen gebracht haben, tatsächlich aber ist es der am 26. Dezember 1933 gegründete Automobil-Konzern Nissan, mit dem die Motorisierungsgeschichte im Land der aufgehenden Sonne ihren Anfang nahm. Bei Nissan in Yokohama rollte pünktlich zum Kirschblütenfest Sakura des Jahres 1935 der Datsun 14 als erstes bezahlbares fernöstliches Fließband-Fahrzeug zu den Kunden. So wie die Sakura für Erneuerung steht, feierten Medien und Fachwelt das erste Nissan-Modell als Meilenstein, der für die japanische Industrie und Gesellschaft ein neues Zeitalter eröffnete.

Wurzeln reichen zurück bis 1912
Zu Recht, denn die Fließbänder - entwickelt nach dem Vorbild von Henry Fords Produktionssystem für das Model T - machten vormalige Luxusgüter erschwinglich. Den Grundstein für Nissan und die bis 1984 global genutzte Vertriebsmarke Datsun legte 1912 das allererste japanische Automobil namens DAT. Produziert wurde dieser Kleinwagen von den Kwaishinsha Jidosha Kojo Motor Car Works, einem Vorläufer des Nissan Konzerns.

Im Jahr 1931 wurde dann ein moderner Kompakter als Dat-son vorgestellt, der Sohn des DAT. Da das Wort „son“ im Japanischen jedoch auch „Nachteil“ bedeutet, entschied man sich für das sonnigere „sun“. Diese Umbenennung übernahm nun Nissan, denn das Unternehmen hatte die Kontrolle beim Dat-son-Hersteller übernommen. Komplizierte Anfänge, die jene Kreativität beinhalteten, mit der Nissan zu Japans langjähriger Nummer eins aufstieg. Dennoch wagte sich Nissan erst 1972 nach Deutschland. Auch hier war es wieder die Kraft der Kirschblüte, mit der sich die Japaner etablierten: Der Cherry verblüffte durch fortschrittliche Technik zu günstigen Preisen.

Nissan in Österreich zehn Jahre vor Deutschland
In Österreich war Nissan mit dem Datsun Bluebird bereits zehn Jahre früher präsent. Nach positiven Testberichten über verschiedene Nissan/Datsun-Modelle in der deutschsprachigen Presse plante der österreichische Importeur 1963 dann auch den Schritt nach Deutschland. Mit avisierten Preisen von 5200 Mark für den Bluebird und 6500 Mark für den Datsun Roadster Fairlady wären die beiden Japaner konkurrenzlos kostengünstig gewesen, aber es fehlte an Vertriebspartnern.

Und noch einmal die Sakura: Wo sonst als vor blühenden Kirschbäumen konnten die Nissan-Manager 1973 den besonders kritischen deutschen Medien den Cherry präsentieren. Mit Frontantrieb, quer eingebautem und sparsamem Vierzylinder konnte der innovative Kleinwagen alle deutschen Vorurteile gegenüber der Marke Datsun, unter der die Nissan-Modelle anfänglich exportiert wurden, ausräumen. Schließlich wurden japanische Autos wie der konservativ-biedere kompakte Opel-Kadett-Konkurrent Datsun Sunny und die nicht minder brave Bluebird-Mittelklasse nicht selten als Reisschüsseln verspottet.

Japan als größte Autonation der Welt
Als aber der in vielen Karosserieformen offerierte Cherry in Vergleichstests europäische Kleinwagen schlug und der sportliche Imageträger Datsun 240Z bei der Safari-Rallye den Porsche 911 davonfuhr, international sogar zum meistverkauften Sportwagen der Welt avancierte, schlug die öffentliche Meinung um: Nissan/Datsun und die anderen japanischen Marken wurden in Europa plötzlich als „gelbe Gefahr“ bezeichnet.

Zumindest was Nissans Kompetenzen im Kleinwagenbau anging, war dies berechtigt. Der Cherry entwickelte sich zum Bestseller, der zu erschwinglichen Preisen als erster Datsun in Deutschland über 100.000 Zulassungen erzielte, ehe 1979/80 die große Laurel Limousine als meistverkaufter Japaner in Deutschland für Furore sorgte und sogar Kulttypen wie den Ford Granada unter Druck setzte. Global gelang es Japan damals erstmals, die USA in den Produktionszahlen zu überholen und zum Autobauer Nummer eins aufzusteigen.

Erster Stromer Jahrzehnte vor dem Leaf
Ein Erfolg, zu dem Nissan erheblich beigetragen hatte, dies durch zuverlässige Produkte, die mit technischen Raffinessen überraschten. Waren es in den 1930er-Jahren Volksautos und kleine Pick-ups sowie die 1937 lancierte Nobel-Limousine Nissan 70 als amerikanische Graham-Paige-Lizenz, mit denen Nissan zum führenden japanischen Generalisten aufstieg, überraschte der Autobauer aus Yokohama in den Nachkriegsjahren mit technischen Leuchtturmprojekten. Der visionäre vollelektrische Tama von 1947 und der Roadster DC-3 als erster asiatischer Sportler blieben noch dem Heimatmarkt vorbehalten, aber der 1951 vorgestellte Offroader Nissan 4W60 (Patrol) wählte die Wüsten der Welt als Feld und galt bald als bester Botschafter des Herstellers.

Schon 1957 kam Nissan nach Europa und zeigte die chromglänzende Skyline-Limousine auf dem illustren Laufsteg des Pariser Automobilsalons. Was damals niemand ahnte: Dieser Skyline gilt als Urvater der adrenalinhaltigen Nissan GT-R-Racer, die ab 1972 realisiert wurden, später ihren Kultstatus in Konsolenspielen und Kino-Erfolgen festigten, ehe der 2007 vorgestellte Supersportwagen Nissan GT-R (R35) auch in Europa Porsche und Ferrari jagen durfte.

Produktion auf der ganzen Welt
Nissan und Noblesse, diese Verbindung begann 1964, als das von Stardesigner Albrecht Graf Goertz in elegante Form gebrachte Silvia Coupé Designpreise und globale Anerkennung gewann und der Nissan Prince Royal ab 1966 sogar dem japanischen Kaiserhaus als Staatskarosse diente.

Agiere global und produziere lokal, nach dieser Devise installierte Nissan ein weltweites Netzwerk an Produktionsstätten, 1983 in den USA als größtem Exportmarkt und 1986 auch in Großbritannien, wo der Nissan Bluebird (T12) als erstes Pkw-Modell für Europa vom Band lief. Nutzfahrzeuge wurden derweil in Spanien gebaut, die europäischen Diskussionen um Importgrenzen für japanische Modelle waren daher für Nissan kein Thema. Der Kleinwagen Micra gewann 1993 als erstes japanisches Modell den europäischen Medienpreis „Auto des Jahres“ und das in Europa entwickelte und gebaute SUV Terrano II wurde 1994 als erster Nissan nach Japan exportiert.

Allianz mit Renault
Vor Finanzkrisen war Nissan nicht gefeit, aber das Unternehmen erfand sich immer wieder neu. Nachdem Nissan in den 1990er-Jahren durch die Asienkrise erschüttert wurde, fand das Unternehmen in Renault einen Partner. 1999 vereinbarten die Unternehmen die Renault-Nissan-Allianz, in der allerdings beide Unternehmen selbstständig blieben. Neue SUVs wie X-Trail (ab 2001) und Murano (ab 2006), der kompakte Crossover Qashqai (2007) sowie der mutige Juke (2010) brachten Nissan zurück auf Erfolgskurs. Nicht zu vergessen bezahlbare kleine Bestseller wie der kontinuierlich erneuerte Micra oder der Nissan Note.

Erster Massenstromer: Nissan Leaf
Mit dem 2010 vorgestellten Leaf setzte Nissan ein nachhaltiges Zeichen, dieser weltweit erste in sechsstelliger Zahl gebaute Stromer sicherte dem Hersteller über Jahre Vorsprung vor Tesla. Trotzdem erlebte Nissan speziell in Europa erneut Niederlagen mit Werksschließungen, zumal auch der Vorsprung des Nissan Leaf dahinschmolz.

Die Japaner reagierten spät, dafür aber kreativ. Der in UK gebaute Leaf erhielt Unterstützung durch den Ariya auf neuer EV-Architektur, die gemeinsam von den Allianzpartnern Renault, Nissan und Mitsubishi lanciert wurde. Der Allianz verdankt Nissan auch weitere EV-Modelle wie den Kleintransporter Townstar. Vor allem aber überraschte Nissan mit dem „e-Power“-Konzept in Qashqai und X-Trail, das elektrischen Antrieb bietet, während der Strom per Verbrenner und Pufferbatterie geliefert wird. Die Kunden goutieren diese fernöstlichen Spezialitäten offensichtlich, wie die steigenden Absatzzahlen von Nissan zeigen. Entsprechend stolz feiert Yokohama den 90. Geburtstag seines automobilen Vorzeigeunternehmens. 

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