Ist der Käfer ein gutes Auto?

8 Août 2019 - AutoBild

Ist der Käfer ein gutes Auto?

Ein so erfolgreiches Auto wie der VW Käfer kann doch nicht schlecht sein, oder? Zwei Autojournalisten diskutieren – nur einer ist ein Käfer-Fan.

Еin so erfolgreiches Auto wie der VW Käfer kann doch nicht schlecht sein, oder? Zwei Autojournalisten diskutieren – nur einer ist ein Käfer-Fan.

Pro: "Der Käfer war meine erste Liebe, und die ist am schönsten"

Ich versteh' die Frage nicht! Ist der Käfer ein gutes Auto? Nee, er ist kein gutes Auto. Er ist das beste Auto der Welt! An dieser Stelle ist die Kolumne auch schon fertig, denn diskutabel wäre allenfalls die Frage, ob er auch das schönste Auto ist oder dem T1 den Vortritt lassen muss. Lasst doch mal eure Onkels und Tanten erzählen, vielleicht auch Oma und Opa, in welchen Autos sie glücklich waren. Sie werden sagen: "In einem Opel oder Ford sind wir nach Italien gefahren, war's ein Kadett oder Rekord, Taunus oder Escort? Keine Ahnung, war mausgrau!" Das klingt so belanglos, als erzählten sie von der letzten Kaffeefahrt nach Bad Münstereifel mit Heizdecken-Vorführung und Schwarzwälder Kirsch. Wenn sie vom Käfer berichten, leuchten ihre Augen. Dann sagt Oma: "Irgendwo am Timmelsjoch sprang er nicht mehr an, da legte sich Opa hinten rechts unters Auto, hämmerte auf den Anlasser, und schwupps, schnurrte der Käfer wieder. Ja, so war's."

"Mein 1303 Cabrio ist schneller als ein Tesla!"

Der Käfer war unsere erste Liebe. Manchmal verflucht man seine Liebe, manchmal sehnt man sich nach mehr, nach schneller und stärker, nach repräsentativer und schnittiger. Aber die erste Liebe bleibt für immer die schönste. Nein, der Käfer war kein Aufschneider, kein Auto für Angeber. Ihn fuhren Lehrer, Lageristen, Laboranten. Die Polizei hatte Käfer in Grün-Weiß, die Sekretärin fuhr ihn in der Flachmann-Ausführung Karmann-Ghia, später inhalierten Hippies im Käfer-Bus ihre Joints und ärgern sich heute ein Loch in' A..., dass sie ihren T1 verscherbelt haben. Mein Käfer ist sogar schneller als ein Tesla. Wir hatten letzten Sommer ein Rennen auf der A7 von Hannover Richtung Göttingen. Das Model S fuhr Strich 100, ich auch. Aber nur, um zu sehen, ob mich der Staubsauger irgendwann abhängt. Natürlich nicht, sonst kommt er nicht auf seine 400 km Reichweite. Die hat mein Käfer auch, und "Aufladen" dauert bei ihm nicht 45, sondern fünf Minuten. Dann ist der Tank zu 100 Prozent voll, nicht zu 80.

"Das Beste, was aus Blech gedengelt wurde"

Von 2009 bis 2013 haben mein Freund Dennis und ich mein 1303 Cabrio (Baujahr: 1976) komplett restauriert, in einer Garage in meiner Heimatstadt Ziegenhain. Als Dennis einen Haken in die Decke dübelte, eine Kette spannte, den Motor daran aufhängte und ganz langsam zum Heck des Käfers hochzog, da hatte ich kurzfristig Mitleid mit den Besitzern moderner Autos, die ihre Steuerketten ersetzen lassen müssen und sich bei Rechnungsstellung vorkommen, als hätten sie die ganze Werkstatt samt Personal für zwei Tage gemietet. Mein Käfer heißt Maykäfer, klar bei meinem Nachnamen. Er fährt nur im Sommer, und auch nur dann, wenn es trocken ist. Seine Doppelvergaser darf nur Dennis einstellen, macht er nach Gehör. Und jedes Jahr im Frühling gibt es frisches Öl, auch dann, wenn das alte nur 500 Kilometer geschmiert hat. Mit so einer großen Liebe geht man gefälligst zärtlich um. Erst recht, wenn es das Beste ist, was je aus Blech gedengelt wurde.

Kontra: "Unpraktisch, unkomfortabel und unsicher"

Nein, der Käfer ist kein gutes Auto. Kultig oder ulkig vielleicht, auch schön nostalgisch natürlich, aber keinesfalls gut. Das war er nie, oder höchstens im Kontext der 50er-Jahre. Aber schon in den Sechzigern entwickelte er sich zum Fossil, ein Auto, das zunehmend aus der Zeit fiel. Die Leute kauften damals den Käfer, weil er günstig erschien, gut verarbeitet war und im Ruf hoher Zuverlässigkeit stand. Und sie kauften ihn aus Gewohnheit. Unterdessen ging der Fortschritt spurlos an ihm vorüber. Ein Käfer war schon zu Lebzeiten ein Oldtimer, aber einer, der in serienmäßigem Zustand bestenfalls im Gebirge Spaß machte, auf schneebedeckten Straßen. Ansonsten war dieses Wolfsburger Krabbeltier eine Plage. Und ich weiß genau, wovon ich rede. In den 70er-Jahren spulte ich notgedrungen viele Käfer-Kilometer ab, zunächst in einem gebrauchten 1200 Cabrio, dann im Oettinger-frisierten 1500er und schließlich im 1303 S. Das einzig Gute daran: Die Dinger waren "sponsored by Oma". Und für sie gab es halt nur den Käfer und sonst nichts. Davon abgesehen waren sie aber eigentlich eine Frechheit, und zwar alle. Denn das, was ein Auto können muss, konnten sie nicht.

"Der Käfer war eine Frechheit!"

Sie waren eng, äußerst unpraktisch, heizten schlecht, belüfteten nicht und stanken nach Sprit. Beim Gedanken an einen Unfall hättest du im Grunde sofort aussteigen und den Bus nehmen müssen – eine Lenksäule wie ein Spieß, der Tank voll in der Aufprallzone, statt innerer Sicherheit eine intime Nähe zu Blech und Glas. Und das angesichts einer miserablen Straßenlage. Die Kombination von Heckmotor und Pendelachse war schon immer prekär und spätestens Ende der Fünfziger von gestern. Und sie dürfte ungezählte VW-Fahrer auf dem Gewissen haben. So gesehen ist es dann auch ein Glück, dass diese Heckschleudern kaum vom Fleck kamen – die Leistungsausbeute des Boxermotors war zeitlebens erbärmlich. Seine Existenzberechtigung bestand offenbar vor allem darin, Benzin zu verbrennen und Schmieröl zu erhitzen. Letzteres beherrschte der Käfermotor so gut, dass ihn die Mineralölindustrie für Härtetests einsetzte, während im zivilen Einsatz infolge von Hitzewallungen typischerweise der Kolben im dritten Zylinder fraß. So auch bei meinem Käfer. Und so viel zum Thema Zuverlässigkeit.

"Anfang der 70er war er hoffnungslos veraltet"

Zugegeben, ein bisschen Fortschritt gab es dann schon, Anfang der 70er-Jahre, vor allem im Bereich der Sicherheit. Aber da war der Käfer bereits derart veraltet, dass er einem im Kreis zeitgenössischer Konkurrenten wie eine Lachnummer vorkam. So gesehen war dann auch mein letzter, der 1303, der traurigste. Kein Wunder auch, dass Volkswagen mit diesem Auto an den Rand des Abgrunds fuhr. Was mich betrifft, war das Thema damals zum Glück bald abgehakt: 1975 leistete ich mir meinen ersten selbst finanzierten fahrbaren Untersatz, ein richtiges Auto war es, wassergekühlt, frontgetrieben, gut liegend, munter, adäquat beheizt und äußerst praktisch, außerdem handlich, sparsam und – wie sich herausstellte – absolut zuverlässig: die Offenbarung, ein wunderbarer Audi 50 GL. Soweit die Meinung der beiden AUTO BILD KLASSIK-Kollegen. Was meinen Sie? Stimmen Sie oben ab!

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