Wo Hoeneß, Karajan & Co. Ihre 911er holten

14 Juillet 2020 - auto motor sport

Wo Hoeneß, Karajan & Co. Ihre 911er holten

Weil Porsche keinen eigenen Vertrieb hatte, kamen die Kunden ins Werk.

Das ist heute noch möglich und immer ein besonderer Moment. Der vor 70 Jahren aus der Not entstand. Eins ist dabei seit Jahrzehnten geblieben.

Meistens war Harald Wagner dabei, wenn ein Porsche-Kunde nach Zuffenhausen kam, um sein neues Auto zu übernehmen. Und manchmal ist der ehemalige Verkaufsleiter auch heute noch dabei, wenn Kunden einen neuen Porsche abholen. Der 96-jährige findet, dass diese Übergabe "immer ein besonderer Moment" ist. Das war 1973 so, als Uli Hoeneß und Herbert von Karajan ihre 911 abholten. Und das war sicher auch in diesem Jahr der Fall, als Florian Böhme seinen karminroten Taycan 4S abholte – an seinem 43. Geburtstag. Es war der erste Taycan, der in Zuffenhausen an einen Kunden übergeben wurde.

Erste Werksabholung vor 70 Jahren

Das Alter hat Böhme mit dem ersten Porsche-Abholer gemeinsam: Der Arzt und Kunstsammler Ottomar Domnick holte am 26. Mai 1950 als erster Kunde seinen Porsche in Zuffenhausen ab. Den Sekt für die Übergabe hatte er selbst mitgebracht. Herbert Linge drehte mit Domnick eine Runde, um das Auto zu erklären.

Heute sind vor allem Konnektivität und Assistenzsysteme Thema der einstündigen Übergabe – und beim Taycan auch das Laden der Akkus.

Porsche-Fan Herbert von Karajan

Damit hatten Uli Hoeneß und Herbert von Karajan sicher nichts am Hut. Hoeneß übernahm 1973 einen Carrera 2.7 RS, Karajan holte im selben Jahr ebenfalls einen Elfer ab. Es war nicht sein erster Porsche und nicht sein letzter 911; Karajan war ein Freund der Familie und Fan der Marke. Der Dirigent hat nicht nur am Pult eine beeindruckende Karriere hingelegt, sondern auch einige Schmuckstücke aus der Porsche-Historie besessen; darunter ein 550 Spyder des Rennfahrers Richard von Frankenberg, ein 911 Turbo RSR und zwei 959 – den ersten hatte der Maestro in einem Acker bei Salzburg versenkt. Auch der Dirigent Justus Frantz, der 1986 das Schleswig Holstein Musik Festival gegründet hatte, fuhr einen Porsche 959. Übergeben hat das Auto Harald Wagner.

Wagner war auch dabei, als der Verleger und auto-motor-und-sport-Gründer Paul Pietsch 1976 seinen 911 Turbo 3.0 abholte. Es war nicht der erste und letzte Porsche in der Familie, "die ganze Familie fuhr Porsche", erinnert sich Wagner. Manche Porsche-Kunden kommen eben nicht nur einmal nach Zuffenhausen.

Immer dabei: Werksführung und Mittagessen

Etwa 20 Fahrzeuge am Tag übergibt Porsche jeden Tag in Zuffenhausen. Die Bestandteile sind seit Jahren praktisch gleich geblieben: Der Kunde kommt aufs Werksgelände, bekommt bei einer Führung die Produktion gezeigt und sein Auto erklärt. Die Übergabe "endet meist mit einem Mittagessen", erzählt Wagne, der heute noch bei manchen Abholungen dabei ist. Lange fand die Werksabholung immer in Zuffenhausen statt, doch inzwischen haben Kunden auch die Möglichkeit, ihren neuen Porsche in Leipzig abzuholen und dort eine Runde auf der hauseigenen Rennstrecke zu drehen.

Egal, ob 1950 oder 2020, 356, 911 oder Taycan: Die Übergabe ist "jedes Mal ein Freudentag", findet Harald Wagner, der die Selbstabholung seit Jahrzehnten begleitet.