Kanadier fährt 1,2 Millionen Kilometer im 930er

5 марта 2020 - auto motor sport

Kanadier fährt 1,2 Millionen Kilometer im 930er

Bill MacEachern kaufte seinen Porsche 911 Turbo bereits 1976 – und hat ihn bis heute. Seitdem hat das schwäbisch-kanadische Duo einiges zusammen erlebt.

Mehr als 70 Prozent aller je gebauten Porsche-Fahrzeuge fahren heute noch. Behauptet zumindest Porsche. Ob das wirklich stimmt, ist unmöglich herauszufinden. Taucht man jedoch tiefer in die Geschichte von William „Bill" MacEachern und seines Porsche 911 Turbo ein, dann ist die Zahl plötzlich plausibel. Der Kanadier und der Zuffenhausener sind bereits ein halbes Menschen- und mehrere Autoleben zusammen unterwegs. Seit 778.941 Meilen beziehungsweise gut 1.253.584 Kilometern, um genau zu sein.

Porsche 911 Turbo – ein doppeltes Risiko

Bill MacEachern bestellte seinen Porsche 930 – so der Werks-Code des ersten 911 Turbo – im Herbst 1975. Er ging damit ein doppeltes Risiko ein. Die Nachwirkungen der ersten Ölkrise waren noch deutlich zu spüren, der Trend ging eigentlich zu kleineren, schwächeren und sparsameren Autos. Der Kanadier dachte jedoch anders und fürchtete, eine Gelegenheit zu verpassen, wenn er den Porsche nicht kauft. Es könnte schließlich sein, dass es „so wunderbar unvernünftige, radikale Sportwagen" bald nicht mehr gibt. Andererseits war die Turbo-Technik noch relativ neu im Serien-Automobilbau; der 930 war das erste Serienauto, dessen Motor Porsche auf diese Weise zwangsbeatmete. Kinderkrankheiten drohten – erst recht, da MacEacherns Exemplar erst der 350. je gebaute 911 Turbo war.

Den Unternehmer, der eine erfolgreiche Teppichreinigungs-Firma aufbaute, sah jedoch eher die Chance als das Risiko. Einerseits, weil er bereits einen silbernen 911 als Dienstwagen fuhr und deshalb mit der sprichwörtlichen Porsche-Zuverlässigkeit vertraut war. Andererseits hatte er die Nase voll von nordamerikanischen Muscle Cars, mit denen er seine ersten automobilen Erfahrungen sammelte. „Als junger Mann hatte ich einen Oldsmobile 4-4-2", sagt der in Toronto lebende Senior. „Der gab im Autokino eine gute Figur ab, fuhr sich aber wie ein Milchlaster."

Meilensammeln auf Rennstrecken-Touren

Im Mai 1976 war für Bill MacEachern der große Tag gekommen: Sein Porsche Turbo stand mit 23 Kilometern auf dem Tacho am Flughafen zur Abholung bereit. Der Kanadier mit schottischen Wurzeln stutzte jedoch, als er dem Auto erstmals gegenübertrat: Es schien die falsche Farbe zu haben. Tatsächlich musste MacEachern nur die Spuren des langen Transports beseitigen und den Turbo von seiner Staubschicht befreien, damit die Lackierung in „Midnight Blue" ihre volle Wirkung entfalten konnte. Auch innen geizte der 930er dank Sportsitzen und Korkleder-Interieur nicht mit seinen Reizen.

Es dauerte nicht lange, und das schwäbisch-kanadische Duo fing mit dem Meilensammeln an. Bill MacEachern pilgerte an vielen Wochenenden zu Nordamerikas legendären Rennstrecken. Die Touren zu den Kursen in Watkins Glen und Lime Rock im Nordosten der USA waren mit Distanzen von knapp 400 beziehungsweise gut 700 Kilometern noch recht entspannt zu absolvieren. Die mehr als 1.500 Kilometer zur Road Atlanta in Georgia waren da schon anspruchsvoller; erst recht die Fahrten nach Sebring (2.200 Kilometer) und West Palm Beach (2.300 Kilometer) in Florida. Besonderer Respekt gebührt MacEachern und seinem Porsche dagegen für die fünf Touren zu den Monterey Historic Races in Kalifornien. Die 4.400 Kilometer absolvierten die Beiden stets auf eigener Achse. Allein diese Trips schlugen mit rund 44.000 Kilometern zu Buche.

Defekt, Unfall – weiter geht's

Einige dieser Touren stellten das Paar auf eine harte Probe. 2006 brach auf der Fahrt nach Monterey bei Kilometerstand 641.312 eine Lüfterriemenscheibe. Bill MacEachern befand sich zu diesem Zeitpunkt im südlichen Oregon. Hier war es unmöglich, ein Ersatzteil zu bekommen. „Aber ich fand eine Werkstatt, die die defekte Scheibe schweißte", sagt der Unternehmer, der dennoch rechtzeitig an der Pazifikküste eintraf, um die Rennen zu sehen. Gleiches gelang ihm drei Jahre später. Ein abbiegender SUV legt sich mit dem 911 Turbo an, der zu diesem Zeitpunkt etwa 850.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. Der Porsche trug aus der Auseinandersetzung einen eingedrückten Kotflügel, einen zerstörten Querlenker und eine beschädigte Antriebswelle davon. Doch in einer Volkswagen-Werkstatt wurde ihm schnell geholfen, und die historischen Rennen fanden mit Bill MacEachern auf der Tribüne statt.

Weitere drei Jahre später war die Eine-Million-Kilometer-Grenze fällig. Bill MacEachern war zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zur Oldtimer-Tauschbörse in Hershey, Pennsylvania. „Zurück in Toronto haben wir darauf angestoßen." Von weiteren Defekten, Unfällen oder anderen Malheuren hat der Kanadier nicht zu berichten. Dabei nutzt er seinen Turbo auch heute noch fast täglich, sagt er. Zum Beispiel, um die Kunden seiner Teppichreinigung zu besuchen, in der er noch immer arbeitet.

Der Nachlass ist übrigens bereits geregelt – nach Bills Tod soll der geliebte 911 unbedingt in der Familie bleiben. Er wird an seinen zweiten Sohn Brian übergehen, auf den das Auto bereits angemeldet ist. Brian MacEachern fährt selbst seit fast 40 Jahren Autorennen. Bei ihm dürfte der Turbo mit der Seriennummer 350 in guten Händen sein.

„Ich will eine Million Meilen schaffen. Das wäre fantastisch", sagt Bill MacEachern. Für Otto-Normal-Autofahrer scheint die Distanz, die der Porsche bis zur 1,61 Millionen Kilometer-Marke noch zurücklegen muss, sehr weit weg zu sein. Wenn Bill MacEachern seinen Schnitt hält, wäre es für ihn in etwa zwölfeinhalb Jahren soweit. Dem Kanadier ist es unbedingt zu wünschen, dass er den Moment noch erlebt, wenn sich der Meilenzähler einmal komplett nullt.