Sollen Oldies seltener zur TÜV?

5 Mai 2020 - AutoBild

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Sollte in Deutschland ein längeres Hauptuntersuchungsintervall für Fahrzeuge mit H-Kennzeichen eingeführt werden? Zwei Redakteure diskutieren!

Länder wie Frankreich oder die Schweiz haben ein deutlich längeres Hauptuntersuchungsintervall bei historischen Fahrzeugen. Wäre diese Regelung auch für Deutschland sinnvoll?

Martin Puthz: "Geringe Mängelquote spricht für gute Pflege"

Oldtimer werden wenig ge­fahren, im Schnitt gut 1500 Ki­lometer im Jahr. Sie sind überdurchschnittlich gut in Schuss. Gerade meldete die Prüfor­ganisation GTÜ, dass fast 55 Prozent der H­-Kenn­zeichen-­Träger bei der Hauptuntersuchung (HU) mängelfrei abschnit­ten. Das verrät weniger über die Fahrzeuge als über die Pflege­-Mentalität der Be­sitzer – und wäre mir, gerade deshalb, Rechtfertigung genug, das Prüfintervall von zwei auf vier Jahre auszudehnen. Auch Versicherungen gewähren Sonder­konditionen, weil es mit Liebhaberfahr­zeugen wenig Ärger gibt. Warum Klassiker bei der HU wie Alltagsschlurren behandelt werden, ist für mich daher allenfalls mit dem monetären In­teresse der Prüforganisationen zu erklären. Denn mal ehrlich: Mit den Checks wird Kasse gemacht. Jaja, Verkehrssicherheit ist ein hohes Gut. Aber zeigen nicht die Regeln im Ausland, dass Oldtimer keine technische Risikogruppe sind?

Frankreich etwa dehnt das Prüfintervall bei historischen Fahrzeugen auf fünf Jahre aus, die (in diesem Punkt äußerst pe­nible) Schweiz sogar auf sechs. Probleme sind keine bekannt – auch nicht aus Polen, Großbritannien, Holland oder Belgien, wo Sammlerfahrzeuge ab ei­nem bestimmten Alter von Amts wegen überhaupt nicht mehr zur HU müssen. Im Übrigen wäre auch bei Youngtimern zwischen 20 und 30 die Mängelquote niedri­ger, wenn nicht das Haar in der Suppe ge­sucht und bei technisch gepflegten Autos ein sprödes Wischerblatt oder ein Riss im Verbandkastendeckel in der Statistik auf­tauchen würde. Formal okay, aber wenn man sieht, was teilweise trotz regelwidriger Umbauten und Originalitätsabwei­chungen H-­Segen erhält, wäre Prü­fer-­Strenge da sicher angebrachter.
Frank B. Meyer: "An Sicherheit zu sparen ist asozial"

Klar kann ich Klopapier und Nudeln horten. Wer weiß, vielleicht wird's ja knapp. Klar kann ich mitten in der Coronakrise die Kinder auf den Spielplatz schi­cken. Ist doch bequemer für alle. Ja – so ein Verhalten ist aber auch asozial. Weil ich damit anderen Men­schen schaden könnte. Was das mit dem Hauptuntersuchungs­intervall zu tun hat? Ich mag das Konzept des "Worst Case Scenario": Vor einer Entscheidung über­lege ich, was schlimmstenfalls passieren könnte. Angenommen, das Intervall für Oldtimer wird verlängert. Dann brettert – schlimmstenfalls – einer ungebremst auf den vollen Spielplatz. Deutschland wird erschüttert sein. Haben die Bremsen ver­sagt? Es stellt sich heraus: Die letzte Hauptuntersuchung (HU) war vor fast vier Jahren, ganz legal. Was tatsächlich die Unfallursache war, zählt nicht mehr, dann ist Shitstorm-­Time. Deutsch­land heult auf: "Diese Angeber mit ihren Oldtimern! Genießen auch noch Privilegien! Verbieten!"

Ich gehöre nicht zu den Leisetretern, die glauben, die Oldtimerbranche sollte keine lauten Forderungen stellen. Oldtimer sollten zum Beispiel weiter in Umweltzonen fahren dürfen: weil sie dort niemandem schaden. Aber bei der HU geht es um Si­cherheit. Dafür ist sie da. Für die Bestätigung, dass mein Auto si­cher sei, alle zwei Jahre 100 oder 110 Euro auszugeben, finde ich zumutbar. Es trifft ja meist nicht die sozial Schwächs­ten. Schon gar nicht, wenn jemand mehrere Oldtimer hat. Eine Sache muss aber dringend geändert werden. Auf unseren Straßen sind ungezählte unsichere Schrotthaufen mit Gefälligkeitsplaketten un­terwegs. Die Prüforganisationen müs­sen endlich, endlich ihre eigenen Prüfer prüfen!